Westgrönland - Arktischer Sommer
- Christine Rex

- 23. Juli
- 6 Min. Lesezeit

Am 01. Juni sind wir über den Polarkreis gesegelt. Wir haben ausgesprochen sonniges Wetter und das auch noch mit 24-Stunden Tageslicht. Bis jetzt halten wir allerdings an unserem gewohnten Schlaf-Wach Rhythmus fest. Am 11. Juni erleben wir den ersten richtigen Sommertag an Bord. Die Temperaturen steigen über 10 Grad und bei Windstille sind T-Shirt und Shorts angesagt - wunderbar fühlt sich die Sonne auf der Haut an. Und barfuss an Deck verstärkt noch einmal das Sommerfeeling.

Nach 11 Tagen in Sisimiut kommt ein kurzes Südwind-Fenster, welches wir für die Etappe nach Attu nutzen. Die ersten Eisriesen sind bald in Sicht und dichter Nebel hüllt uns ein. Am nächsten Tag wachen wir vor Anker in einer flachen Insellandschaft auf. Auf einer Insel leben Schlittenhunde für den Sommer. Wir lieben den frühen Sommer in Grönland noch ohne Mücken und Fliegen, die bald schon zu einer üblen Plage werden können. Die Möwen haben Brütezeit und wir entdecken ein paar Nester. Die nächsten Tage gehen wir entspannt mit Kajak fahren an, Angelversuchen und Besuch vom Dorf Attu. Hier wohnen eindeutig Jäger, denn Seehundfelle stehen aufgespannt herum und Geweihe und Schädel zieren die bunten Häuser. Alles gehört zur Lebensgrundlage der Inuits.


Dann nutzen wir den nächsten Südwind, um nach Aasiaat zu segeln. Nun haben wir es wieder mit sehr grossen Eisbergen zu tun. Bei mehrheitlich dichtem Nebel sind sie teilweise nur zu erahnen. In Aasiaat platzieren wir die Aegir am Holzsteg des vorgelagerten Inselchens, auf dem eine verlassene Fischfabrik steht und leider viel Müll herumliegt. Der Anblick ist alles andere als schön. Schade! Hier verbringen wir dennoch 10 Tage. Die Tankmöglichkeiten sind perfekt. Wir nehmen an den Feierlichkeiten der Inuits am 21. Juni teil - Ullortuneq ihr Nationalfeiertag. Er findet am Tag der Sommersonnenwende statt und erinnert an die Selbstverwaltung Grönlands. Der Feiertag beginnt mit einem Kanonenschuss. Gefolgt von einem Gottesdienst auf Kallaalisut. Ich, Christine, singe sogar leise auf grönländisch mit. Der Rest des Tages verläuft hier eher ruhig. Einige Familien fahren mit ihren Booten raus. Andere feiern für sich zu Hause. Die Gemeinde organisiert noch weitere Aktionen, verteilt über den Tag. Eins ist ein Konzert am Abend. Wir brauchen ein wenig, um den Ort zu finden und hören uns dann ein paar Lieder an. Man sitzt an Tischen, singt Lieder mit und tanzt. Wir beenden den Tag mit der Mitternachtssonne an Bord.

Eine Woche später findet der Midnight Sun Marathon statt. Was eine Gelegenheit! Ich, Christine, melde mich für die 10.5 km an und nutze die Woche davor, um meine Seebeine etwas zu trainieren und mich mit der Route durch die Stadt vertraut zu machen. Ca. 150 Personen (Einheimische, Dänen und eine “Germang”) nehmen am Lauf teil und viele Menschen aus dem Ort begleiten den Event. Die Läufer klatschen sich unterwegs gegenseitig zu und an den abgelegensten Stellen jubeln vereinzelt Leute aus ihren Häusern oder Kinder auf der Strasse klatschen mir in die Hände. Am Flughafen, dem Umkehrpunkt, gibt es Getränke und Snacks ohne viel Show. Im Ziel wird gejubelt und geklatscht - alle erhalten eine Goldmedaille. Auf dem Festplatz gibt es Live-Musik, eine Hüpfburg, Getränke und Hotdogs. Alles etwas “einfacher” und sehr herzlich organisiert. Wir sind sehr happy an so einem Event teilnehmen zu können, auch wenn Christines Knie im Nachgang etwas zickt.
In Aasiaat haben zwei Segelboote an Land überwintert. Es scheint ein wachsendes Geschäft für die dortige Werft zu sein. Wir erleben, wie die Schiffe wieder ins Wasser gelassen werden und Gregor hilft beim Aufstellen der Masten. Abends hocken wir gemütlich mit der Crew der SY Nordhus (Lonnie, Pascale, Ashe & Ryan) - Lonniedupre- und Kit (SY Alyosha) auf der Aegir zusammen.

Am nächsten Tag segeln wir weiter Richtung Ilulissat und werden, wie erwartet, mit einem dichteren Eisgürtel konfrontiert. Es sieht aus der Ferne nach keinem Durchkommen aus, aber aus der Nähe ergeben sich immer wieder Möglichkeiten. Wir verfolgen kleinere Motorboote auf dem Plotter und fahren langsam Slalom durch den Eisteppich. Plötzlich nähert sich eine Nebelfront von hinten und macht die letzten Meilen bis Ilulissat sehr unheimlich und anstrengend. Vor der Stadt ankern bereits vier Schiffe, im Hafen ist die einzige Mole mit einem Militärschiff belegt. Die Eisdichte läd uns nicht zum Ankern ein. Netterweise verzieht sich der Nebel und wir fahren weiter nach Oqaasut. In der Rodebay vor dem kleinen Dorf liegen wir sehr geschützt, da die größeren Eisberge an den Untiefen vor der Bucht nicht vorbei kommen.



Eine abenteuerliche Aktion mit dem Dinghy kündigt sich an. Gregor hat wieder seine Zahnkrone verloren. Glücklicherweise bekommt er einen Termin in Ilulissat. In unseren Floatinganzügen eingepackt und mit einem Benzinkanister an Bord fahren wir am nächsten Tag mit dem Dinghy 8 NM Richtung Ilulissat. Die Eisdichte nimmt kurz vor der Stadt wieder zu und wir entscheiden, eine Bucht vor der Stadt anzufahren. Von dort laufen wir in die Stadt. Gregor erhält eine super professionelle Behandlung. Beflügelt nehmen wir noch einen sehr gut bestückten Supermarkt mit. Mit dem Niedrigwasser hat sich die Eissituation an der Küste entspannt und wir können ohne Probleme zügig mit dem Dinghy zur Aegir zurück fahren. Nach dieser aufregenden und erfolgreichen Aktion hocken wir gemütlich draussen in der Mitternachtssonne und “grillen an” für dieses Jahr. Zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehört auch dieses Jahr wieder, Miesmuscheln oder Seeigel bei Ebbe zu sammeln. Mehrere Portionen können wir einfrieren


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Unsere Reise geht weiter durch den Vaigat-Sund. Sonne wechselt sich mit Nebel ab. Wir ankern in schönen Buchten, treffen Inuits, die wie Nomaden im Sommer in ihren Zelten leben und können einen richtigen Sommertag an Deck genießen. Wir haben mittlerweile Mitte Juli und unsere weitere Reise nach Alaska via Nordwestpassage rückt langsam näher. Wir nehmen an einem Pilot vom Canadian Border Controll Service teil “Remote entry procedure". Nach ein paar Online-Formularen gibt es bereits vor der Einreise einen Telefoncheck und wir erhalten die Bestätigung der Einreise mit unseren Waffen. Nun müssen wir nur noch ein Mail bei der Ein- und Ausreise senden. Technisch beschäftigt uns noch unser Windgenerator, Wassermacher, Generator und Motor: Das Projekt Windgenerator legen wir jetzt erfolglos, bzw. nur als Back-up zur Seite. Die Kompatibilität zur Lithiumbatterie ist schwierig und nicht in unseren Energie-Alltag zu integrieren. Dafür haben wir den Wassermacher nach 8 Monaten erfolgreich wieder aktiviert und füllen den Wassertank in 21 Betriebsstunden. Dazu läuft der Generator länger als sonst. Beim Generator haben wir vor allem mit gelockerten Schlauchschellen im Kühlwasser -, und Kraftstoffsystem zu tun. Last but not least haben wir ordentlich Motoröl in der Bilge, welches unseren Puls nach oben treibt. Die Ursache liegt am vollen Ölsammler der Kurbelwellengehäuseentlüftung. Dieses kleine Töpfchen ist uns doch glatt in den letzten 4 Jahren untergegangen und sollte eigentlich mit jedem Ölwechsel geleert werden. Zum Glück gibt es ausser massivem Öl -Dreck in der Motorbilge keine Probleme.

Auf dem Weg nach Upernavik nehmen wir die Inlandroute und ankern in Uluâ. Eine Bucht, eingerahmt mit Granitfelsen. Die Stufen sind grün, die Platten nass vom Regen. Die Natur fühlt sich bekannt an. Wir überlegen lange und kommen zum Schluss: Die Aegir liegt in einem Bergsee in den Schweizer Alpen. Es fängt an zu regnen und der Blick aus unseren Fenstern könnte an einen Herbsttag mit Blick in die Schneeberge erinnern. Wir entdecken viele Seeigel und wollen sie als Nahrungsmittel versuchen. Mit dem Fischkescher sammeln wir einige ein. Nach Gregors Recherche essen wir sie einmal aufs Brot und dann mit Pasta als «Ricci di Mare»- lecker.

Ein nächster Zwischenstopp im Dorf Kangersuatsiaq (Prøven) führt uns wieder näher an die Jagd der Inuits heran. Boote, Schüsse, Tiere im Wasser- Seehunde oder Wale? Mehr bekommen wir nicht mit. Die Versorgung mit anderen Gütern wird durch das Cargoschiff “Siuana Arctica” sichergestellt. Sie ist uns schon mehrfach begegnet. Morgens werden wir durch Schraubengeräusche geweckt und sie ankert neben uns. Der sehr robuste Aluminium-Tender (Beiboot) bringt die Waren an Land. In Kangersuatsiaq werden die alten Handelshäuser genutzt, um die Waren zu lagern. Wir kaufen vier Äpfel und dann zieht es uns weiter in den Laksefjord.

Wir nehmen den ersten Ankerplatz, Akuliaruseq und sind bereits bei der Anfahrt von den Granitfelsen beeindruckt. Die Natur teilt sich diese Gegend für einen Moment mit uns. Wir sehen keine Einheimischen, kaum Vögel, einen Seehund, einen Eisberg und ganz viel Grün an Land. Die Mücken plagen uns langsam, daher fällt es uns nicht so schwer an diesem schönen Ort in den Motorraum zu verschwinden und den letzten Ölwechsel vor der Überfahrt zu machen.

Im April sind wir in St. John's gestartet, d.h knapp 2200 Seemeilen bis Upernavik. Vom Polarkreis sind wir bis Upernavik bereits 560 Seemeilen entfernt. Bis jetzt hatten wir eine entspannte und vielfältige Zeit in Grönland. Jetzt beginnt unser Abenteuer (Nordwestpassage) mit Ziel Alaska, nachdem wir unsere Dieseltanks gefüllt haben und unseren Lebensmittelvorrat noch mit ein paar Frischprodukten aufstocken können.
Einen nächsten Blog wird es im Herbst geben. Wer mag kann unsere nächste grössere Etappe entweder auf Noforeignland, Predict Wind oder mit etwas mehr Illustration auf FindPenguins verfolgen.

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